USA

(01. - 27.02.18)

New York City

Je mehr Reiseerfahrung ich sammle, desto unbedarfter werde ich. In diesem Fall so unbedarft, dass ich nicht einmal ordentlich gepackt habe: Meine Seelenschwester stattete mich mit Sommerklamotten aus, weil ich es nicht mehr zu Bibs schaffte, den Online-Check-In machte ich kurzfristig mit gedrosseltem Internet vom akkuschwachen Handy aus im Zug zum Flughafen, aber egal, es hat trotzdem alles geklappt und ich bin zum (wenn ich mich nicht verzählt habe) vierten Mal in den Vereinigten Staaten von Amerika. Erster Stopp nach Ankunft in Newark: New York City.

Kein Mensch ist ohne Widersprüche und New York City ist meiner. Ebenso übrigens wie Fliegen - Ich kann das Aufzuggefühl des Auf und Ab nicht ausstehen und langes Sitzen macht mich kirre, aber die Wolken von oben zu sehen, der Spiegel der Sonne als runder Regenbogen (nennt sich übrigens "Glorie"), in 1.500 Wimpernschlägen den drittelten Erdball umrunden, in Vogelperspektive zu neuen Welten... Wie könnte ich dem widerstehen!

Zurück zu NYC: Ich, das notorische Landei, hatte schon wieder völlig vergessen, wie verrückt diese Stadt ist, wie laut, voll, hoch, international, grandios, Hupen, nicht stehenbleiben, Imbissstand, schneller, 42nd Street, noch mehr Leute, Fußgängerampel, kalter Wind, sollte mal im Sommer hierher, fantastische Atmosphäre. Ich bin überwältigt.

Ich treffe Terry, die ich bei meinem ersten Besuch im Big Apple kennenlernen durfte, beim Taizé-Gebet in einer kleinen französischsprachigen Kirche. Der Straßenlärm dringt hier nur gedämpft durch die Holztür, der Raum ist klein und warm und ich habe ein Gefühl von Ankommen. Außerdem freue ich mich ungemein, Terry wiederzusehen, die gerade die letzten Kerzen fürs Gebet anzündet. Ich schlage für drei Tage mein Quartier auf der Schlafcouch in ihrer Wohnung in Queens auf, wo es in der urugaischen Bäckerei an der Ecke leckere süße Maisfladen gibt und wo ich aus dem Fenster im vierten Stock diese Inbetween-hour beobachten kann, wenn sich der Himmel rot färbt, es langsam dunkler wird, aber noch nicht dunkel, und die Lichter der Stadt angehen.

Der erste Tag nach meiner Ankunft erwartet mich mit knackigen - 8 Grad Celsius und einem Wind, der dir die Zellwände deiner Gesichtshaut zerlegt. Das hindert mich aber nicht daran, mal wieder beeindruckende Distanzen zu Fuß zurückzulegen (So ein Wochenticket für die Bahn lohnt sich schneller, als man meinen sollte. Weiß ich für's nächste Mal...) und natürlich allerhand zu unternehmen: Unter anderem begleite ich Terry zu einem Treffen ihrer Umweltbildungsgruppe, wir wandeln auf der High Line und durch The Met (sooo klasse!), schauen uns im Kino "Call me by your name" an (sehr feinfühlig erzählt und hervorragend gespielt!) und dank Terry als Vitamin B (sie arbeitet für die Stadt) darf ich sogar die City Hall von innen sehen!

Ich war nur drei Tage in New York City, aber die Stadt hat mich direkt in ihren Bann geschlagen. Weit mehr übrigens, als bei meinem letzten Besuch, bei dem ich's hier irgendwie gar nicht so toll fand.

Als ich NYC per Megabus verlasse, fängt es gerade an sanft zu schneien. BoltBus, Megabus und Greyhound kann ich sehr als Transportmittel entlang der Ostküste empfehlen. Praktisch, einfach und unschlagbar günstig. Ich fahre nonstop nach Philadelphia und von dort mit dem Zug weiter nach Norristown und stolpere damit von der Verrücktheit einer 20 Millionen Einwohner umfassenden Metropolregion direkt in die Verrücktheit einer 31 (?) Personen umfassenden Superbowl-Party.

Norristown, Pennsylvania

Aber eins nach dem anderen: Ich besuche Norristown, weil ich bei meiner letzten USA-Reise (von Boston über NYC nach Philadelphia und zurück) dort Caleb kennenlernen durfte, meinen Reisekumpan aus Finnland, für diejenigen, die sich erinnern (für die, die sich nicht erinnern, siehe hier weit unten und hier). Allerdings komme ich nicht bei ihm, sondern seinem und meinem guten Freund Tom unter. Und zu dessen Familie bin ich also zum Superbowl-Gucken eingeladen - "echt amerikanisch", könnte man sagen, alle stilecht im Grün der Eagles gekleidet, es gibt sehr viel Essen und der Lautstärkepegel schwankt so zwischen 75 und 90 Dezibel (also zwischen Kantinenlärm und Türknallen) und sprengt schließlich die Decke, denn die underdogs Eagles gewinnen!!! Gott sei Dank! Ich hätte diese Leute ungern traurig gesehen, denn ich wurde - auch ganz amerikanisch - wunderbar herzlich aufgenommen und quasi direkt in die erweiterte Familie integriert. Und das, obwohl ich keine Ahnung von Football hatte... Der krönende Abschluss meines Superbowl-Erlebnisses war dann sogar noch verrückter: Caleb und ich radelten zur Siegesparade nach Philadelphia! Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen! 4 Millionen waren angekündigt, im Endeffekt kamen dann "nur" um die 700.000. Wahnsinn! Noch wahnsinniger: Alle waren nicht nur gut gelaunt, sondern dabei auch friedlich. Man entschuldigte sich, wenn es zu Gedränge kam, was sich beim besten Willen nicht vermeiden ließ, half sich gegenseitig auf alles, was irgendwie erkletterbar war und die Chance auf einen besseren Ausblick bot, lachte und feierte, während Flugzeuge mit weißen Wölkchen "Dilly Dilly Philly Philly" an den Himmel schrieben.

Auch meine weiteren Tage in Norristown standen dank Tom unter der Überschrift "Horizonterweiterung": Zum Beispiel brachten wir Altmetall zum Schrottplatz, sortierten die verschiedenen Metallsorten und bekamen er bekam dafür den jeweiligen Gegenwert - ich natürlich nicht, schließlich hab ich keine Arbeitserlaub für die USA ... Dabei durfte ich das bislang größte Vehikel meiner Autofahrerkarriere steuern (ganz legal dank internationalem Führerschein). Tom und einer seiner Kumpel trimmten außerdem eine Magnolie, wobei Tom versuchte, mir professionelles Baumklettern beizubringen. Wenn ich vorher nicht schon stundenlang Äste durch die Gegend geschleppt hätte, hät ich das vielleicht sogar hinbekommen. Wir besuchten einen mexikanischen Gottesdienst, mit einer Band mit mittelmäßigem Gesang, einem lauten Priester und mit lebhaften Kirchenbesuchern, deren Anzahl die Kapazitätsgrenze des Kirchenraums sprengte. Zusammen mit weiteren Freunden machten wir Feuerzangenbowle (was man eben so macht, wenn man schon mal eine Deutsche da hat ;-D), einen Spieleabend, pumpkin pie und meine ersten Smores (Keks, Schokolade, Marshmellow, Keks - zu lecker, um gesund zu sein)! Außerdem fuhren wir zu den "Ringing Rocks", einem Areal mit Felsbrocken, die beinahe wie Glocken klingen, wenn man mit einem Hammer drauf schlägt. Klingt martialisch und irgendwie tat es mir auch leid, weil das Feld wohl früher für Ureinwohner heilig war - andererseits war der Forscher in mir absolut begeistert! Ganz genau weiß man es nicht, aber angeblich stammt die "Klingfähigkeit" der Felsen von inneren Spannungen (und nicht wie ich erst vermutete vom Eisengehalt). Also: Mit einem Hammer bewaffnet in mystischer Nebelatmosphäre auf Steinen rumklettern und mehr oder weniger Musik mit ihnen machen? Been there, done that.

Ich verlasse Norristown mit der Gewissheit, dass es Freundschaften gibt, für die Distanzen keine Rolle spielen, dem Gefühl, ein paar wichtige Dinge gelernt zu haben, u.a. über mich selbst, und viel neuem Input für mein Hirn - und die Reise geht noch weiter!

Tampa, Florida

Der ursprüngliche Grund, warum ich überhaupt in die USA fliegen wollte, ist nämlich ein Besuch bei Papa und Zweitmama in Tampa. Nach der Eiseskälte 1.000 Meilen weiter nordwärts stehe ich in Tampa in T-Shirt und kurzen Hosen auf dem Balkon, blicke hinab auf den Pool, in dem ich Mittags noch geschwommen bin, und hinauf auf Orion, das Wintersternbild, wie es hoch am Himmel steht. Wie seltsam.

Und wie wunderbar! Ich liebe Sonne und Wärme und das Meer! Schon an meinem ersten Tag in Florida beobachten wir wilde Delfine am Fort de Soto! Wir sammeln Sanddollars und Muscheln und wandeln danach auf dem Sand von Stränden, der so feinkörnig ist, dass er unter den Füßen quietscht! Fühlt sich an wie Urlaub. Ein bisschen Bewegung muss her! Auf geht es zu einer Kanutour durch Mangroven, vorbei an Alligatoren, Schildkröten und Ibissen (absolut klasse und beeindruckend! Sehr sehr empfehlenswert!), zum Eishockeyspiel der Tampa Bay Lightnings (die leider verlieren. Aber die Stimmung ist trotzdem gut) und ich lerne sogar Golfen (und stelle mich anfangs doof und endens doch nicht so doof an).

Ein bisschen nützlich mache ich mich auch, als ich im Veteranen-Krankenhaus den internationalen Soldaten bei der Essensausgabe helfe und einen Vormittag lang mit Tampa Bay Watch Austernkuppeln aufstelle und einheimische Gräser auf einer erosionsgefährdeten Insel pflanze. Am Ende durften wir dort am Strand noch nach fossilen Haifischzähnen suchen und rate mal, wer welche gefunden hat und sich dadurch einen Traum erfüllte! :-)))

Einen weiteren Traum, von dem ich noch nicht einmal wusste, dass ich ihn hatte, erfüllte ich mir mit einem Besuch des Kennedy Space Center am Cape Canaveral! Ein niederländischer Soldat und seine Frau waren so nett mich auf die andere Seite Floridas mitzunehmen und gemeinsam besichtigten wir die Abschussrampen, bestaunten die gigantische Saturn-V-Rakete, die 1969 die ersten Menschen auf den Mond brachte, und wurden überwältigt vom Atlantis-Spaceshuttle in seiner ganzen großen Pracht. Persönliches Highlight war für mich außerdem das Hubble-Teleskop! So viel Geschichte, so viel Innovation und noch viel mehr Menschheitsträume gebündelt an einem Ort! Wusstet ihr, dass wir Erfindungen wie Digitalkameras und Smartphones der Forschung rund um die Raumfahrt zu verdanken haben? Oder dass der Mars einst deutlich mehr Wasser und sogar eine richtige Atmosphäre hatte? Gibt einem zu denken...

Ein Tag ist zu kurz, um sich alles dort anzusehen, daher empfehle ich jedem, der die Möglichkeit hat, ein nicht viel teureres Mehrtagesticket für das Space Center zu kaufen.

Manatee Memmetee

Neben einer beeindruckenden Vogel- und Reptilienwelt gibt es in Florida außerdem eins meiner Lieblingstiere: Seekühe! Meine Schwester, die zwei Wochen vor mir in Tampa war, bekam im Manatee Viewing Center auf der anderen Seite der Bay ungefähr 60 wilde Seekühe/Manatees zu Gesicht, was meine Erwartungen ziemlich hoch schraubte. Dummerweise hatte sich das Wasser der Bay binnen dieser zwei Wochen so stark erwärmt, dass die Manatees bereits abgewandert waren - alle außer einem! Eine einzelne Seekuh war so lieb und hatte auf mich gewartet! Vielleicht hatte sie den anderen noch nachgerufen "Wartet! Die Katja kommt doch noch!". Oder vielleicht hatte sie auch einfach ihre Flosse ins Baywasser gehalten und beschlossen "Ne, das's noch zu kalt". Ein Memmetee sozusagen...

Macht nichts, ein Manatee reicht mir und ich genieße einfach weiter meine Zeit, verbringe jede freie Minute am Pool und mache sogar eine Fahrradtour, auch wenn Florida furchtbar fahrradunfreundlich ist. Und irgendwie ist es auch fast zu heiß für alles, was keine Wasseraktivität ist oder sich drinnen abspielt. Drinnen ist man auch besser geschützt - Ich bin seit langem mal wieder richtig zerstochen, anscheinend von den Tierchen, die Floridianer nicht umsonst "No Sees" nennen, ich hab nämlich nur einmal eine Mücke gesehen, aber etliche Stiche von unsichtbaren Plagegeistern Arme und Beine rauf und runter...

Was mich nicht davon abhält, ein Draußenerlebnis einem Drinnenerlebnis den Vorzug zu geben: Am vorletzten Tag meiner USA-Reise entscheide ich mich für einen Besuch des Sunday Market der Sweetwater Community Farm anstelle eines Besuchs im Dalí-Museum. Ich Banause? Vielleicht, aber ich bereue nichts, denn während der Yoga-Einheit, die eine Stunde vor Beginn des eigentlichen Marktes stattfand, gewann ich eine wichtige persönliche Erkenntnis: Ich sitze im Schneidersitz, atme tief ein und langsam und gleichmäßig aus, lang, länger, spanne die Muskeln an, bis kein Raum für Luft mehr vorhanden ist und ich erneut tief einatme. Mein Leben funktioniert im Moment ganz ähnlich: Ich versuche, meine Tage nachhaltig zu gestalten und den Leuten zu zeigen, dass wir als Menschen ohne Natur nicht leben können und dass für unseren westlichen luxuriösen Lebensstil andere bezahlen müssen. Ihr kennt die Rede ... Aber für dieses Bemühen brauche ich einen langen Atem und von Zeit zu Zeit bin ich frustriert und habe das Gefühl, als ginge mir die Luft aus. Dann brauche ich einen Ort zum Kraft sammeln oder das Treffen mit einem Gleichgesinnten - zum Glück gibt es sie überall, man muss nur manchmal ein bisschen suchen. Orte wie die Sweetwater Community Farm, mit Menschen, die denken wie ich, einen Moment wie diesen, in dem ich auf einer Holzbank sitze, weit weg von den Klimaanlagen rund um Dalís' Gemälde, dafür mit Laub unter den Füßen, in denen ein Hahn seelenruhig scharrt, während ich der live-Musik von erstaunlich guten Singersongwritern lausche, nach einem interessanten Gespräch über den Anbau von Gewürzen und einer kleinen veganen Kochshow. Ich knabbere an einer Bio-Karotte, sippe an ungesüßtem Eistee, die Leute um mich herum lächeln, ich lächle mit ihnen und hole tief, tief Luft.

Was soll ich sagen? Die Tage in Floridas Wärme gingen schneller vorbei, als ich sie mit Erlebnissen füllen konnte. Deutschland heißt mich mit - 7,5 Grad Celsius Willkommen und wie immer nach einem längeren Auslandsaufenthalt bin ich seltsam erstaunt darüber, die Leute Deutsch sprechen zu hören. Ich vermisse die großen schwarzen Geier, die in Florida so omnipräsent sind, und die ungebändigte Natur, die einen dort selbst in einem Hinterhof noch erwarten kann. Gleichzeitig kehre ich nach Europa zurück und denke mir "Passt schon hier". Das nennt man wohl tiefenentspannt. Sightseeing, Freundschaft, Abenteuer, Familie, Natur, Erlebnisse und ein bisschen Selbsterkenntnis ist alles, was eine gute Reise braucht, und diese USA-Reise hat all das mehr als erfüllt.

 

Musik von und für diesen USA-Trip:

Johan Glossner - Painted Cup

Kodaline - Talk

Billy Currington - Swimmin' in Sunshine

NEEDTOBREATHE& Gavin DeGraw - Brother

Josh Turner - Your man

American Authors - What We Live For

 

Ein Urlaub in den Staaten eignet sich für:

Abenteurer, Langzeitreisende, Naturfreunde und alle, die mal was richtig Großes sehen wollen

 

Die USA sind nicht empfehlenswert für:

Leute mit Flugangst und Leute ohne Englischkenntnisse

 

Flüge kompensiert mit:

Atmosfair (Allein der Hinflug von Düsseldorf nach Newark verursachte übrigens DOPPELT so viele CO2-Emissionen, wie die Pro-Kopf-Jahresemission eines Durchschnittsinders! Der Rückflug ab Miami war dafür günstiger...)


Zusatz: Verlassene Orte III

Für alle, deren Foto-Lust noch nicht befriedigt ist, und vor allem für diejenigen, die Calebs und meine Leidenschaft für verlassene Gebäude teilen: Wir fanden ein Schlupfloch in ein wunderschönes, großes verlassenes Krankenhausgebäude in Norristown, gerade mal zehn Minuten zu Fuß von Calebs Haus. Hier ein paar Impressionen:

Mehr Bilder von verlassenen Orten gibt es von meiner Reise mit Bibs 2017 hier (Verlassene Orte) und hier (Verlassene Orte II).