Deutschland 2018

genauer gesagt: Wandern im Lahn-Dill-Bergland und Umgebung

Lahn-Dill-Bergland und Ape Bibs
Wer sich wundert: Die Blechschäden durch den Unfall in Polen sind repariert, da die Originallackfarbe aber so teuer ist, hat Bibs nun eben weiße Streifen...

Es wurde Zeit, dass Bibs und ich mal wieder zusammen wegfahren, also haben wir uns aufgemacht, zu einer Woche Wanderurlaub in Hessen und Nordrhein-Westfalen. Klingt spießig? War's auch ein bisschen... Unser Ziel waren das Lahn-Dill-Bergland und der Naturpark Sauerland-Rothaargebirge. In ersteres lockte mich ein Bio-Hotel, das ich mir gerne ansehen wollte und in dem ich auch direkt übernachtete: der Forellenhof Bad Endbach (www.biohotel-forellenhof.de), in dem ich übrigens keine einzige Forelle gesehen habe. Macht nichts, war trotzdem schön und noch schöner war das Wandern direkt von dort aus! Das Laub in so unvorstellbar frischem Grün, die Luft so klar! Ich hatte immer wieder das Gefühl, als liefe ich durch ein Bild, bei dem jemand mit Kontrast, Farbsättigung und Schärfe etwas übertrieben hat.

Es ging meist zwischen 20 und 40 km pro Tag über verschiedene Strecken des beinahe verschwenderisch gut ausgezeichneten Wanderwegsystems - das allerdings manchmal einer Schnitzeljagd gleicht, weil die Wege Haken schlagen, mal plötzlich links, mal rechts, um auch ja an jeder Ecke vorbeizukommen, die irgendwie sehenswert ist. Für jemanden wie mich, die beim Wandern gern mal vor sich hinträumt und die Beine einfach in eine Himmelsrichtung weiterlaufen lässt, eine echte Herausforderung.

So ging es vorbei an Rheokrenen (Fließ-/Sprudelquellen) und Helokrenen (Sicker-/Sumpfquellen - na jedenfalls Bäche überall), durch Märchenwälder und Bilderbuchlandschaften. Zugegeben, ein modernes Bilderbuch wegen der Windkraftanlagen, aber die haben das Landschaftsbild meines Erachtens nicht beeinträchtigt. Vielmehr ließen das dumpfe Surren und der beeindruckende Anblick den Wald noch wundersamer erscheinen.

Anfang Zwischengeplänkel

An dieser Stelle möchte ich kurz die Gelegenheit nutzen und die Hauptargumente von Windkraftwerkgegnern entkräften (pun intended) (Kritik an Offshore-Anlagen ausgenommen):

  • Die töten Vögel: Dass Amsel, Drossel, Fink und Star nicht mehr munter Hochzeit feiern, liegt nicht an Windkraftanlagen, sondern an Nahrungs- und Habitatmangel, hauptsächlich verursacht durch die beschissene konventionelle Landwirtschaft und Bebauung. Fideralala.
  • Die sind so laut: Befahrene Straßen sind um einiges lauter, aber deswegen hören wir trotzdem nicht auf, Autos zu bauen. Wo ist das Argument?
  • Die ruinieren das Landschaftsbild: ... Schon mal ein Atomkraftwerk gesehen? Oder den Kohletagebau der RWE??
  • Windstrom ist viel teurer: Wenn endlich Emissionen versteuert werden und Preise die wahren Kosten, die verursacht werden, widerspiegeln, dann ist Windstrom billiger als Kohle- und Atomkraft.

Wie bei jeder Diskussion um Elektrizität bleibt auch hier mein Credo: Ja, wir verbrauchen den falschen Strom, vor allem verbrauchen wir aber ZU VIEL.

Ende Zwischengeplänkel

Windkraftanlagen im Lahn-Dill-Bergland

Wie auch der Rest Deutschlands Anfang Mai war auch das Lahn-Dill-Bergland nichts für Pollenallergiker (zu denen ich Gott sei Dank nicht zähle), dafür aber etwas für alle (sonstigen) Naturfreunde: Nadel-, Misch-, Buchen- und Eichenwälder, Streuobstwiesen, Schafe, endlich wieder Schmetterlinge, Hornissen, Feldhasen und Zaunkönige. Hier gibt es noch richtige Wildwiesen, Waldmeister am Wegrand und dazwischen kleine Ortschaften mit wunderhübsch geschmückten Fachwerkhäusern und Schildern am Ortsrand mit Sprüchen wie "Rasen ist schön, leben ist schöner."

Vom Lahn-Dill-Bergland aus ging es weiter ins Sauerland-Rothaargebirge. Ich muss gestehen, dass ich vom Naturpark ein wenig enttäuscht war. Wahrscheinlich weil ich zuvor bereits so viel nichtausgewiesene und trotzdem traumhaft schöne Landschaft gesehen hatte, dass meine Erwartungen zu hoch waren. Auch hier war es schön, aber im Gegensatz zum Bergland, wo ich die Wanderwege fast völlig für mich hatte, teilte ich sie mir hier mit anderen Wanderern, Gassigehern, Joggern... Lächerlich, ich weiß! Jammern auf höchstem Niveau. Das soll niemanden davon abhalten, den Naturpark zu besuchen!

Hauberg Jahr
Ein Jahr auf dem Hauberg

Und wenn du gerade da bist, besuch auf jeden Fall den historischen Hauberg bei Kreuztal: Hauberge sind erstaunliche Waldwirtschaftsflächen, bei denen der Wald in Parzellen eingeteilt wird, die in einem Rotationsprinzip im Schnitt alle 15 bis 20 Jahre auf bestimmte Art abgeholzt werden. So ist jedes Jahr eine andere Parzelle dran und es ist immer ausreichend Holz für die Kohleproduktion und Rinde als Gerberlohe (zum Gerben von Leder) vorhanden.

Um auf diese Idee zu kommen, brauchte die Menschheit ein bisschen: Erst kamen die Kelten (ca. 300 v. Chr.) ins Siegerland, schürften das Eisen aus dem Boden und, um genügend Kohle für die Schmelzöfen zu haben, holzten den kompletten Wald dort ab. Als kein Baum mehr stand, zogen sie weiter. 800 Jahre später kamen die Franken, schürften das Eisen aus dem Boden und ... holzten FAST den kompletten Wald ab. Kurz vor Holzende begriffen sie: Wenn ma keine Bäume mehr ham, könn'ma nix mehr schmelzen. Stimmt. Wer der Natur mehr entnimmt, als nachwachsen kann, gefährdet kommende Generationen. (Liest du mit, Weltwirtschaft?) Die intergenerationelle Gerechtigkeit ward geboren. Sie dachten sich also die Haubergwirtschaft aus, die Mitte der 1560er sogar rechtlich festgelegt wurde. Ab Einfuhr der Steinkohle per Eisenbahn im 19. Jahrhundert verloren die Siegerländer Kohleproduktion und mit ihr die Haubergswirtschaft an Bedeutung, letztere wird aber vereinzelt noch wie damals praktiziert. So auch nahe Kreuztal, wo ich eine kleine geführte Wanderung zum Thema mitmachte und neben allem oben genannten von der lustigen Truppe außerdem ein paar Wörter Siegerländer Platt lernte - die ich unmöglich aufschreiben kann. Sorry, musst du wohl selbst hinfahren.

Nach einem wunderschönen Abendspaziergang übernachtete ich auf der anderen Seite Kreuztals - und begegnete meinem Erzfeind: Nachts auf Parkplätzen feiernde Jugendliche! Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, sie wissen ja nicht, dass ich im Ape-Kasten liege und schlafen will, aber WARUM SUCHEN DIE SICH IMMER MEINE PARKPLÄTZE AUS??? Ich bin dann tatsächlich gegen 3 Uhr noch in ein nahes Wohngebiet umgezogen, wo ich meine Ruhe hatte. Am Morgen kehrte ich zu dem Wanderparkplatz zurück, lief zu einer versteckten Lichtung im Wald, machte auf der Wiese Yoga, genoss die Morgensonne, wusch mich im klaren, plätschernden Bach und war mit der Welt versöhnt.

Nachdem Bibs und ich es am Ende unseres Kurztrips durch die bergige Landschaft geschafft hatten, führte uns die Straße entlang des Flusses Bröl (sehr schöner Fluss, sehr grauenvoller Name) zurück nach Bonn. Die Leute können sagen, was sie wollen: Deutschland hat echt ein paar wunderbare Flecken zu bieten und ich habe dieses Mal wieder ein paar weitere gefunden. Also, vielleicht ein bisschen spießig, aber sicher nicht langweilig: Probier mal Urlaub in Mitteldeutschland. Ich find's da schön.

Mitteldeutschland