ACHTUNG: Die Tagebucheinträge lesen sich von unten nach oben (weil damals der aktuellste immer oben stehen sollte).


04. - 10.11.16: Taizé

 

Fast wäre ich hängengeblieben. Ich war so kurz davor...

 

Die Communauté de Taizé ist eine Gemeinschaft von ökomenischen Mönchen, gegründet von Frère Roger (und hat einen ziemlich langen Wikipedia-Artikel, wie ich gerade sehe). Um die Communauté herum hat sich seit den 50er-/60er-Jahren ein Jugendtreff entwickelt, zu dem jede Woche (v.a. in den Sommermonaten) mehrere Tausend Jugendliche von überall auf der Welt kommen.

In ihrer Internationalität und Offenheit (z.B. den verschiedensten Glaubesrichtungen und auch Unglauben gegenüber) ist die Gemeinschaft eine Bereicherung für die Kirche, Gläubige aller Manier und natürlich die Jugendlichen, die nach Taizé kommen, um Fragen des Lebens und des Glaubens nachzugehen.

Es war seltsam, mich wieder nach der Uhr zu richten, nachdem ich eineinhalb Monate mehr oder weniger zeitlos gelebt habe. Die Zeitumstellung war komplett an mir vorübergegangen - mein Handy hat sich automatisch umgestellt und eine Stunde machte praktisch keinen Unterschied. Erstaunlich!

In Taizé sind die Tage dagegen gut durchstrukturiert. Dreimal am Tag trifft man sich zum Gebet in der Versöhnungskirche, einem schlichten Kirchenraum, der von den weit über Taizé hinaus bekannten Taizé-Liedern erfüllt wird, wie vom Schein der vielen Kerzen. Alles in Taizé ist sehr international - so singt man mal auf Polnisch, mal Englisch, dann wieder Schwedisch, Deutsch oder natürlich Latein. Die Evangeliumstellen werden immer in Englisch und Französisch vorgelesen und die Quintessenz in verschiedenen anderen Sprachen wiederholt. Taizé-Lieder sind wunderschön, einfach und vielstimmig. Sie leuchten dein Inneres aus, bringen verschollen geglaubtes zum Vorschein und schaffen Ordnung im Gedankengewühl. Ich liebe es!

Neben den Gebeten gibt es Workshops und Bibeldiskussionsrunden, die jeweils von einem der Brüder geleitet werden, und - sehr wichtig - die Mitarbeit am Nachmittag: Für ein, zwei Stunden hilft jeder Jugendliche (das sind allerdings alle bis 29 Jahre) bei einer gemeinnützigen Arbeit (Putzen, Essen austeilen, Gebetszettel sortieren usw.). Wir haben v.a. bei den Vorbereitungen auf den Winter geholfen, also z.B. Zeltplanen gesäubert und verstaut, Zimmer geputzt und verschlossen und Decken in den Baracken verteilt. Im Winter ist lang nicht so viel los wie im Sommer, daher lernt man wirklich jeden kennen und es war angenehm ruhig.

Ursprünglich hatte ich geplant, drei Tage in Taizé zu bleiben. Als sie mich fragten, wie lange ich bleibe, sagte ich vier Tage. Geblieben bin ich sechs. Hätte ich sonst keine Verpflichtungen, wäre es ein Monat geworden.

Ich habe in diesen Tagen wunderbare Menschen getroffen, die wie auch ich auf (Sinn)Suche sind. Wir haben gemeinsam diskutiert, gelacht, geweint und gesungen, jede Minute des Tages. Diese Tage waren so heilsam, so lehrreich, so nützlich und kostbar wie Wasser in der Wüste. Vor allem weiß ich nun, welche Richtung ich einschlagen möchte (lebenswegtechnisch, nicht mit Bibs...). So wie mich in den Tagen, als ich begann, das Rhône-Tal landeinwärts zu fahren, unvermittelt immer mal wieder die Sehnsucht nach Küste und Meer überkam, so sehne ich mich nun danach, nach Taizé zurückzukehren. Das werde ich auch und bis es soweit ist, ist es ein Ort mehr, den ich im Herzen mitnehme.


3.000 Kilometer


03.11.16: Lyon

La vie est bonne à Lyon - funktioniert als Reim leider nicht, stimmt aber. Und ja, ich habe absichtlich viel blauen Himmel an dem Bild gelassen, damit ihr seht, wie schön es hier schon wieder ist ;-P.

Vormittags nahm ich an einer vom Hostel organisierten Walking Tour (= Stadtrundgang) durch Croix-Rousse teil, dem alten Arbeiterviertel von Lyon, in dem das Seidengewerbe angesiedelt war. Es war die perfekte Möglichkeit, einen tieferen Einblick in die Stadt zu bekommen und eine gewisse Grundlage für weitere Erkundungen zu legen, denn die Altstadt von Lyon ist riesig. Wir waren nur zu dritt - Sami aus den USA, die Fremdenführerin (geschätzt Anfang 20) und ich - deshalb glich die Tour mehr einem gemeinsamen Spaziergang mit vielen interessanten Geschichten und Insidertipps.

Lyon - v.a. das Croix-Rousse - ist durchzogen von etlichen sogenannten Traboules: Tunnel bzw. Treppen, die teilweise sehr verwinkelt durch Häuser und Innenhöfe führen und von den Seidenarbeitern beim Transport der Stoffe als Abkürzungen genutzt wurden. Die Altstadt ist übrigens UNESCO-W.k.e., ja, ihr wisst schon...

Nach der Walking Tour gingen Sami und ich zum Mittagessen in ein Bouchon Lyonnaise, eine Art kleines Restaurant mit traditionellen Speisen aus Lyon. (Bouchons waren im 17./18. Jahrhundert die klassischen Lokale der Seidenarbeiter. Ich tu hier was für eure Allgemeinbildung, Leute, das ist der Wahnsinn!)

Wir saßen lange zusammen und quatschten über Hostels, Reisen, Orte, an denen wir gerne wohnen würden u.s.w. Danach machte ich mich auf den Weg, den Hügel hinauf zur Basilika Notre-Dame de Fourvière. Die Wallfahrtskirche tront über Lyon und ist ein beeindruckender Anblick, was mich allerdings komplett überwältigte war ihr Inneres. Eigentlich bin ich kein Fan von überbordendem Prunk, aber die Pracht dieses Kirchenraums ... einfach wunderschön!!! Riesige Mosaike, die im Licht der tiefstehenden Sonne funkelten, farbenfrohe und gleichzeitig unaufdringliche Buntglasfenster, ein einheitlicher Stil mit abgestimmten Details... Es gibt so viele Orte, von denen man nie hörte, aber bei denen einem das Herz aufgeht.

An Lyon scheiden sich die Geister. Ich hörte von Reisenden, die Lyon kaum des Besuchs wert erachten, und von anderen, für die Lyon die schönste Stadt der Welt ist. Die schönste Stadt ist sie vermutlich nicht, aber Lyon hat definitiv einiges zu bieten (z.B. zich wunderschöne gotische Kathedralen) - deshalb bleibe ich noch eine Nacht, allerdings habe ich mir ein anderes Hostel gesucht. Das Away Hostel ist zwar sehr modern und gut ausgestattet, aber zu groß und dadurch völlig anonym. Nun bin ich im Le Flâneur Guesthouse und es ist genau nach meinem Geschmack! Ich kam sofort mit Leuten auf der Couch Marke Eigenbau ins Gespräch, während eine Gruppe in der Küche einen Koch-Workshop veranstaltete und wiederum andere sich um ein Brettspiel versammelt hatten. So stelle ich mir ein Hostel vor. Ich Glückskind!


02.11.16: Vienne und Ankunft in Lyon

 

Gut, dass ich Vienne nicht ausgelassen habe! Eine schöne Stadt, trotz des Nebels, der den Vormittag beherrschte.

Nach dem obligatorischen Gang zur Touristeninformation (dort bekommt man eben doch am schnellsten die wichtigsten Informationen - und einen Stadtplan, auf dem Toiletten eingezeichnet sind) lief ich einen Erkundungspfad, der quer durch die Stadt und an allen bedeutenden Gebäuden vorbei führt. Er war durch in den Boden eingelassene Metallplatten mit einem Baumsymbol gekennzeichnet und dadurch strammer Morgenspaziergang und Schnitzeljagd in einem.

Ganz besonders gut hat mir die Kathedrale Saint-Maurice gefallen: Im Jahr 1251 vom Papst geweiht, eine spätgotische Fassade von 1526, viel unter Kriegen, Plünderungen und Feuer gelitten und seit 1790 "nur" noch Pfarrkirche. Aber genau so habe ich mir immer das Innere der Kathedrale aus dem Buch "Die Säulen der Erde" vorgestellt! Ein Traum! ****

Der Stadtrundgang führte mich zu allerhand Sehenswürdigkeiten und einigen Hinterlassenschaften der Römer. Das Amphietheater hätte Eintritt gekostet, also stieg ich zu einer Kirche hinauf, von der aus man einen herrlichen Blick sowohl über das Rhône-Tal und Vienne, als auch über das Theaterrund hatte. Das reichte mir.

Bereits mittags verzog sich der Nebel und im Sonnenschein fuhr ich nach Lyon, wo ich nun gerade im Away Hostel & Coffee Shop sitze, frisch gepressten Saft schlürfe und mich an meiner frisch gewaschenen Wäsche erfreue. Wenn ich jetzt noch meine Pinzette wiederfinden würde und meine Augenbrauen in eine annehmbare Form zurückdrängen könnte, wäre die Welt perfekt. So ist sie zumindest sehr nah dran.


01.11.16: Valence, der Palais idéal und noch mehr Rhône

 

Ich liebe AirBnB! Man lebt direkt mit Menschen vor Ort zusammen und kommt in Kontakt - einfacher geht's nicht! Zum Abschied in Valence stattete mich Marie-Hélène (die Frau, bei der ich unterkam) noch mit Äpfeln, leckerer selbstgemachter Aprikosenmarmelade und genügend Landkarten für diesen und kommende Trips aus. (Über die Marmelade habe ich mich total gefreut, weil ich mein halbes Glas Rhabarber-Marmelade nämlich auf dem Parkplatz vor dem Tauchcenter in Marseille zerdeppert habe. :-P)

Nach der Besichtigung von Valence (ein hübsches Städtchen) ging es weiter die (für mich bleibt er/sie weiblich) Rhône entlang. Bibs und ich hatten den ganzen Tag starken Rückenwind und kamen enorm schnell voran! Für eine Ape versteht sich... Hätte ich die Klappe aufgemacht oder das Bettlaken aufgespannt, hätte ich wahrscheinlich gar kein Gas mehr geben müssen. Bibs kassierte dafür allerdings einen traurigen Smiley einer Geschwindigkeitsanzeige, als ich mit 38 km/h durch die 30er-Zone brauste. Ups!

Das Rhône-Tal erinnert mich teilweise sehr an das Rhein-Tal mit seinen Ortschaften direkt am Wasser und den dahinter aufsteigenden Weinbergen. Ab Saint-Vallier machte ich einen Abstecher nach Osten ins Land hinein - weites, freies Land mit hier und da einem Gehöft, Bäumen und Feldern. Da bekommt der Begriff "freistehend" für ein Haus eine ganz neue Bedeutung. Mein Ziel war Hauterives, das mir meine Gastgeberin empfohlen hatte, denn dort steht der "Palais Idéal du Facteur Cheval". Ich hatte sie erst nicht recht verstanden und dachte, es geht um Pferdezucht. Aber nein, irgendwas mit Kunst. Es stellte sich heraus, "facteur" ist der Briefträger und in Hauterives hat ein Briefträger namens Cheval zwischen 1879 und 1912, also 33 Jahre lang, jede Nacht dafür aufgebracht, einen "Palast" zu bauen, ein begehbares Kunstwerk aus unzähligen aneinandergefügten Details.

Mit 76 Jahren wurde Cheval fertig mit seinem ... was auch immer ... Lebenswerk und verbrachte dann noch 8 Jahre damit, sein Grabmal auf dem örtlichen Friedhof zu bauen. Er starb mit 88 Jahren (trotz unvermeidlichen Schlafmangels, nehme ich an) und inspirierte mit seinem "Palast" u.a. Pablo Picasso, Max Ernst, Hundertwasser und viele andere Künstler. Der Palais idéal wird mal dem Surrealismus, mal der Art brut ("rohe Kunst", sprich von Kindern, Geisteskranken oder sonstigen "Außenseitern" - blöde Bezeichnung) und mal der Naiven Kunst zugerechnet. Also - ohne Wertung - letzterem schließe ich mich an.

(Versteht mich nicht falsch, das Ding war wirklich beeindruckend! Ich bin mir nur noch unschlüssig, ob ich mit den Nächten von 33 Jahren nicht etwas ... nützlicheres anfangen würde. Schlafen zum Beispiel.)

Auf dem Rücken eines Höhenzugs ging es zurück zur Rhône und weiter bis Vienne, wo ich auf einem abgelegenen Parkplatz übernachtete. Kurz überlegte ich, ob ich nicht noch bis Lyon weiterfahren sollte, aber Vienne war mir von mehreren Seiten empfohlen worden und ich liege sehr gut im Zeitplan - und hatte mal wieder Lust auf eine Nacht im Schlafsack.


31.10.16: Auf dem Weg nordwärts

 

Wenn jemand von euch die nächste Zeit ins Kino möchte, kann ich den Film "Miss Peregrin's Home for Peculiar Children" wärmstens empfehlen! Der Film erforderte eine ziemliche Denkleistung, wie es gute Filme mit mehreren Zeitebenen an sich haben, und teilweise war er wie ein verfrühter Halloween-Streifen, aber wie auch immer, er war ganz nach meinem Geschmack: Ein Film, der einen in eine andere Welt entführt und lange dort behält. Ich bin auch peculiar, ich weiß nur noch nicht, was ich kann.

Nachdem ich vormittags erst Bibs ordentlich geputzt und Villeneuve d'Avignon besichtigt hatte (den Avignon gegenüberliegenden Teil, in den damals die Kardinäle zogen), ging es weiter nordwärts. So wie ich mich zuvor am Meer entlang geschlängelt habe, folge ich nun der
Rhône (bzw. dem Rhône - im Französischen ist er männlich), vorbei an Wein-, Haselnuss- und Lavendelfeldern, vielen Nugat-Direktverkäufen (denen ich widerstanden habe!) und einem großen Atomkraftwerk, das für einige Momente den sonst so
wolkenlosen Himmel verschandelte. Wieso haben sowohl Italien als auch Frankreich so unglaublich viele wunderhübsche Dörfer und Deutschland bringt kaum einen ordentlichen Weiler zusammen?

Ich fuhr bis Valence, wo ich mir spontan über AirBnB ein Zimmer suchte. Ich kam bei einem Ehepaar unter, in einem hübschen Mansardenzimmer mit Blick auf die auf der anderen Rhôneseite liegenden Berge. Mit der Frau saß ich noch lange zusammen, wir tranken frisch aufgebrühte Kräuter und feilten über Landkarten gebeugt an der besten Route für den morgigen Tag. Dabei hatte ich ordentlich Gelegenheit, mein Gymnasialfranzösisch hervorzukramen, aufzuschütteln, abzustauben und zum Einsatz zu bringen. Erstaunlich, was sich der Hinterkopf so
an Wörtern behält, jedenfalls klappte es super!
Sie klärte mich unter anderem darüber auf, dass ich das Roussillon, das ich irgendwie nördlicher vermutet hatte, verpasst habe, weswegen ich auf jeden Fall noch einmal in die Provence zurückkehren muss. Ich habe jetzt schon 100 neue Ziele vor Augen! Zum Beispiel die Villa,
in der "Ein gutes Jahr" gedreht wurde (ebenfalls nahe des Langedoc) und die mir zu weit abseits meiner Route lag. Zumindest habe ich mir über Spotify den Soundtrack zum Film geladen. So läuft in Bibs nun auch mal französische Musik.

Solange das Wetter weiterhin wolkenlos ist, sind die Tage zwar traumhaft sonnig und warm, aber für die bitterkalten Nächte werde ich mir wohl entweder Unterkünfte suchen oder eine wärmere Decke besorgen müssen. Vielleicht isoliere ich Bibs auch von innen, fragt sich nur, was am besten geeignet ist. Hmmm...


30.10.16: Avignon

 

So lasse ich also das Meer hinter mir und fahre landeinwärts. Bislang sahen die verschiedenen Landschaften aus, als stünden sie außerhalb der Jahreszeiten, aber hier zeigt sich nun der Herbst. Es ist ein Herbst aus weinrotem Laub an den Steinwänden alter Bauernhäuser, goldgelben Gräsern, klirrend klarer Luft und mit genügend Grün, dass man meinen mag, er wird nie enden.

Dick eingepackt wegen der morgendlichen Kälte (aber fröhlich gestimmt wegen der schönen Landschaft und der Sonne) ging es nach Avignon. Es war mal wieder Zeit für ein paar überteuerte Eintrittspreise UNESCO-Weltkulturerbestätten.

In Avignon findet man eine ganze Handvoll davon, die Geschichte der Stadt ist aber auch lang und wechselhaft genug, um einige besondere Bauten hervorzubringen - allen voran natürlich den Papstpalast (Palais des Papes), aus der Zeit im 14. Jahrhundert, als mehrere (ich glaub neun) Päpste in Avignon residierten. Jeder von ihnen baute noch ein Stück an den Palast an oder gleich einen eigenen dazu, wodurch der Komplex gewaltige Ausmaße annahm. Beeindruckend, durchaus, aber wenn das Haus eines Kirchenmannes Schießscharten hat, ist doch irgendetwas schiefgelaufen...

Ein weiteres Welterbe ist der Pont Saint-Bénézet (auch Pont d'Avignon), eine Brücke aus dem 12. Jahrhundert. Ja, richtig, das ist die aus dem Lied "Sur le pont d'Avignon" und ja, auch richtig, sie endet im Wasser. Ist also eher ein großer Steg, als eine Brücke. Nach schweren Hochwasserschäden 1660 hat man sie aufgegeben und weitere Hochwasser haben sie bis auf vier Bögen zurückgestutzt. 4 € für einen großen Steg find ich aber trotzdem übertrieben.

Insgesamt gefällt mir Avignon sehr gut und weil letzte Nacht so kalt war, bin ich in einem Hostel untergekommen (Pop Hostel - 19 €), in dem ich jetzt gerade bei einem Glas Wein sitze. Eigentlich wollte ich mir einen kuschligen Buch-Abend machen und früh schlafen gehen, aber ich habe dieses hübsche kleine Programmkino gefunden, das englische Filme zeigt... Mal sehen, ob ich bis dahin wach bleibe. :-D


29.10.16: Zweimal Pech und einmal Camargue

 

Okay, gestern Abend hatte ich Pech mit meinem Übernachtungsplatz.

Eigentlich versuche ich zu vermeiden, im Dunkeln zu fahren, aus dem einfachen Grund, weil ich dann weniger von der Landschaft sehe. Aber ich wollte gerne wieder an der Küste schlafen und ich muss leider zusehen, dass ich vorankomme. Ich würde gerne überall hin und dann überall länger bleiben, aber wenn ich meinen Zeitplan halbwegs einhalten will, müssen ein paar Orte wohl oder übel hinten runterfallen.

Jedenfalls parkte ich in dem kleinen Küstenort Carry-le-Rouet am Bootshafen und ging schlafen. Was ich nicht wusste, war, dass sich der Parkplatz nachts zum örtlichen Jugendtreff entwickelt. Und die hatten es auf Bibs abgesehen! Beim ersten Schlag gegen den Kasten war ich wach. Beim zweiten erschrocken. Beim dritten stinksauer. Dann war Ruhe. Ich machte mich bereit für alles - in meinem Kopf sah ich schon, wie sie Bibs aufschaukelten und umwarfen... Aber sie hörten bloß weiter laut Musik und unterhielten sich. Allerdings hörte ich, wie sie die Magneten an der Kastenklappe herumschoben (Erklärung: Der Tourist in mir hat von allen größeren Städten Kühlschrankmagnete mitgenommen). Eine Weile dachte ich, sie hätten das Interesse verloren und ich könnte die Sache aussitzen - Ich hatte auch nicht so recht Lust, mich mit einer Gruppe Jugendlicher anzulegen - aber dann hörte es sich an wie ein Tritt gegen die Kabine und ich hatte die Schnauze voll.

Allein der Fakt, dass ich (zufällig komplett schwarz gekleidet) aus dem Kasten sprang und die Klappe knallen ließ, hatte schon eine enorm einschüchternde Wirkung. Von der Gruppe waren nur drei lausige Halbstarke übrig, die irgendetwas auf dem Asphalt brauten, und der eine schien sogar ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich grüßte, grantig aber höftlich, und fuhr davon. Mehr war gar nicht nötig. Barfuß, aber siegreich.

Vermutlich hatte sich alles aus dem Inneren des Kastens schlimmer angehört, als es war. Bibs hat keinen Schaden davongetragen und auch alle meine Magnete sind noch da. Außerdem fand ich beim Weiterfahren einen Parkplatz, von dem aus ich morgens direkt ins Meer springen konnte.

Tags darauf fuhr ich weiter und durch Martigues, von dem ich nicht viel erwartet hatte, weil ich hörte, es sei eine Industriestadt, aber der östliche Teil ist wirklich super niedlich! Im Westen erstrecken sich allerdings tatsächlich riesige Industriegebiete, die ich links liegen ließ, um zur Camargue zu gelangen, die beeindruckende Landschaft rund um die Mündung der Rhône. Ein großer Teil wird landwirtschaftlich genutzt, aber daneben finden sich weitläuftige naturbelassene Gebiete, die v.a. Vögeln als Rückzugsraum dienen. Vom Greifvogel bis zum Flamingo sah ich quasi alles! Vielen Pfade und Wanderwege durchziehen die Camargue und ich ging den "Flamingo-Trail" (auf dem kein einziger Flamingo war, die waren alle knapp neben dem Industriegebiet...), von dem aus ich einige der weißen Wildpferde entdeckte, die es in der Camargue noch gibt! Und ganz zuletzt, als ich schon nicht mehr daran dachte, sah ich auch noch eine Herde der berühmten schwarzen Stiere.

Die Camargue gehört zur Gemeinde von Arles, einer mittelalterlich-römischen Stadt, die zwar ziemlich heruntergekommen aussieht, deswegen aber nicht weniger charmant. Viel von der Stadt habe ich allerdings nicht gesehen, denn da ereignete sich das zweite Unglück:

Die Panne Nr. 2 - der Platten. Wo genau ich ihn mir geholt habe, weiß ich nicht, es muss auch eher ein kontinuierlicher Luftverlust gewesen sein und Gelegenheiten für eine Beschädigung gab es reichlich. Oft genug bin ich in Schlaglöcher von gefühlt einem halben Meter Tiefe gerappelt, besonders der Weg zum Cap Croisette war so zerstört (das passendste Wort), dass ich mir nicht vorstellen kann, welches Fahrzeug hier noch unbeschadet durchkommen soll (zu löchrig für jedes Auto und zu schmal für einen Panzer). Und die bescheuerten französischen Geschwindigkeitshubbel sind auch eher für Monstertrucks ausgelegt und bringen Bibs irgendwann noch um!

Jedenfalls wollte ich zuerst zu einer zum Glück sehr nahen Werkstatt fahren, weil ich nicht das nötig Werkzeug dabei hatte, aber die war zu. Gegenüber der Werkstatt fand sich allerdings ein Baumarkt. Also: Selbst ist die Frau (Ich habe das bei meinem Auto schließlich oft genug gemacht). Ich kaufte eine Ratsche (wieso ich die nicht eh hatte! Keine Ahnung!), holte meinen Notizzettel von der Inspektion (Danke für die Lehrstunde!!!) und wechselte den Reifen. Fertig.

Ich habe mir vorgenommen, trotzdem bei Gelegenheit bei einer Werkstatt reinzuschauen und außerdem Schlaglöcher zu meiden wie die Pest! Aber ich fühle mich super! Da ist es wieder, das Abenteuer! Es kann weitergehn. :-)

 

(Dem wissenden Apeisten, der sich denkt "Ist die doof, die hat die Radkappenhalterungen vergessen", kann ich übrigens sagen: Ne, sorry, die Radkappe hab ich schon in Italien irgendwo verloren...)


28.10.16: Tauchgang und Marseille

 

Um 7:30 Uhr machte ich mich auf den Weg vom Cap Croisette zum Pointe Rouge, da ich den Morgentauchgang gebucht hatte. So früh, nach einem weinreichen und späten Abend - puuuh! Aber der Sonnenaufgang, den ich vom Cap aus sah, entschädigte für alles! Und das Tauchen sowieso! Schon allein die Bootsfahrt hinaus zu den Inseln des Nationalparks war herrlich! Unter Wasser dann steile Kliffs, Korallen, Fischschwärme... Ich hätte es mir nicht schöner wünschen können!

Nachmittags traf ich mich mit Judicael (Schreibweise fraglich), dem Drehbuchautor, am Pointe Rouge und wir fuhren mit dem Bus nach Marseille hinein. Wir spazierten durch die Innenstadt, sahen uns die alte Festung an, querten das Hafenbecken mit einer kleinen Fähre und gingen zum Abschluss Eisessen.

Ich habe zwar nicht alles gesehen, was ich mir gerne angeschaut hätte - z.B. konnte ich nicht in die Kathedrale, weil ich in rückenfreiem Top und Shorts unterwegs war, aber es war einfach zu heiß für alles andere. Trotzdem war es mir genug, v.a. da ich vom Tauchen ziemlich müde war.

Nach dem Abschied fuhr ich aus der Stadt hinaus - was ich bis jetzt noch nicht ganz geschafft habe. Marseille ist nicht umsonst die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Allerdings lebt ein großer Teil der Einwohner unter der Armutsgrenze, was man in den Randbezirken auch deutlich sieht. Kein Ort, an dem ich anhalten wollte. Aber egal. Mein Kopf ist so voller wunderbarer Eindrücke, dass sie alles unschöne momentan verdrängen.

 

Meine Hausaufgabe für euch: Wenn ihr euch die neuesten Fotos im Album anseht, hört dazu von Switchfoot - Live it well. Das drückt ganz gut aus, was ich zur Zeit fühle. :-)


27.10.16: Weg nach Marseille

 

Erst dachte ich, das wird ein unspektakulärer Tag, aber hey! Hab ich mich geirrt!

Die Fahrt an der Küste entlang war schön, wenn auch wegen der Felsen leider ein wenig abseits des Ufers. Dafür waren die Ausblicke genial! Ich fuhr quer durch den Parc national des Calanques, in dem die bisherige Vegetation radikal von Wald zu schroffen Felsen wechselte. Man sah allerdings noch die Spuren eines Waldbrandes, der sogar Marseille in Rauch gehüllt hatte, wie ich später erfuhr.

Ich fuhr am südlichen Rand von Marseille vorbei und bis hinab an die äußerste Landspitze, das Cap Croisette, weil ich gehört hatte, dass dort einer der schönsten Orte zum Tauchen samt zugehöriger Tauchschule sei. Die Spitze des Caps ist nur über einen schmalen Weg zwischen den Felsen zu Fuß zu erreichen und bereits der Weg dorthin war ein Highlight.

Die Tauchschule hatte leider über den Winter geschlossen, aber als ich dort war, lernte ich einen Drehbuchautor aus Paris kennen, der direkt am Cap ein kleines Häuschen bewohnt und sich von der traumhaften Umgebung zu neuen Stories inspirieren lässt. Ich fuhr noch mal kurz Richtung Marseille bis zum Pointe Rouge und buchte für den Folgetag einen Tauchgang. Dann kehrte ich zum Cap zurück, denn der Drehbuchautor hatte mir sein Gästebett für die Nacht angeboten.

Pünktlich zum Sonnenuntergang war ich zurück, den wir uns bei einem Bier von den Felsen hinter dem Haus aus ansahen. Nach einem leckeren mediterranen Abendessen schnappten wir uns eine Decke (obwohl draußen ein immer noch herrlich warmer Wind wehte, war doch kuschliger), legten uns auf eine Terrasse in den Felsen und zählten Sternschnuppen. Ich habe die Milchstraße schon lange nicht mehr so klar gesehen! Und Sternschnuppen sah ich mehr als mir Wünsche einfielen.


26.10.16: Saint Tropez und die Île de Porquerolles

 

Und noch ein Luxusort, von dem ich eher enttäuscht war: St. Tropez. Vielleicht aber auch nur, weil ich im Hinterkopf das Lied von DJ Antoine hatte, der den Ort irgendwie schillernd darstellt und nicht, wie er tagsüber im Alltag ist: Unscheinbare Häuser, ein winziges Stück Strand voll von getrocknetem Seegras und einem Straßenbild, das schön wäre, würde es die Edelboutiquen nicht versauen. Wenn man sich dann noch vorstellt, dass auf die 4.400 Einwohner jedes Jahr ca. 5 Millionen Besucher kommen! Auch das "besondere Licht", weswegen der Fischerort damals überhaupt erst so viele Künstler und in ihrem Schlepptau die High Society anzog, konnte ich nicht entdecken. Vielleicht stand die Sonne aber auch noch nicht hoch genug. Vielleicht war es ein bisschen zu diesig. Vielleicht bin ich auch einfach ein Stümper.

Aber der Tag sollte noch genial enden: Südlich von Hyères ließ ich Bibs auf der Landzunge stehen und nahm die Fähre zur Île de Porquerolles. Den Tipp hatte mir der Freelancer aus Malaysia gegeben. Auf der Insel mietete ich mir ein Fahrrad und fuhr auf die andere Seite zu einer Festungsanlage und einem Leuchtturm. Die Insel ist nur 3 km breit und 7,5 km lang, daher konnte ich einiges auf ihr besichtigen, obwohl ich erst nachmittags angekommen war.

 

Und sie ist wunderschön! Zwischendurch fühlte ich mich in die Karibik versetzt! (Auch wegen der sehr warmen Temperaturen.) Die Mischung aus Felsen, Stränden, Ausblicken, klarem Wasser, Fischen, Schiffen... Es muss ein Traum sein. Ein sehr langer, realistischer und übertrieben schöner Traum. Dass ich diese grandiose Landschaft durchreisen darf, dass mir die Sonne lacht, dass ich so viele wunderbare Bekanntschaften mache, dass ich mit meinem Bisschen immer noch mehr dabei habe, als ich brauche... Ich hatte mir vorgestellt und erhofft, dass dieser Trip gut werden würde, aber ich hatte keine Ahnung, wie gut! Ich bin ein Glückskind!!!

 

Randnotiz:

Ich freue mich, dass sich einige Apeisten hier auf der Seite tummeln. Herzlich Willkommen und viel Spaß! :-D

Falls übrigens jemand eines der Fotos in Originalauflösung (4608 x 3072, meistens zwischen 2 und 4 MB) haben will, einfach kurz eine Nachricht schicken, dann übersende ich es per E-Mail.


25.10.16: Küste, Cannes und noch mehr Küste

 

Man sollte meinen, bei einer Übernachtung im Hostel bekäme ich mehr Schlaf, als in der Ape. Weit gefehlt, denn ich sitze immer noch bis spät in die Nacht mit anderen Reisenden zusammen. In Hostels begegnet man den genialsten Personen! Man tauscht sich aus, hilft einander und schmiedet an fremden wie an eigenen Plänen. Gestern waren wir eine illustre Runde aus einem Luxusyachtmatrosen aus Simbabwe (aber mit deutscher Mutter und britischem Vater), einem Freelancer aus Malaysia, einer arbeitsuchenden Australierin, einer Tschechin, die für ein paar Monate das Hostel betreut, naja und ich, die deutsche Apeistin.
Ich bin relativ spät von Antibes aufgebrochen, da ich mit den anderen noch auf dem Markt war, wo wir Socca gegessen haben (eine Art Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl), und den Hafen besucht habe.

Man sollte außerdem meinen, auf so einer Reise hätte man viel Zeit für sich und für alles Mögliche und grundsätzlich stimmt das auch, aber es ist interessant zu sehen, welche Dinge auf der Prioritätenliste hinten runterfallen, simple Sachen, wie Fingernägel feilen oder Fußmatten fegen...

Schlampig wie Bibs und ich waren ging es nach Cannes. Irgendwie hatte ich mir die Stadt schöner vorgestellt. Der kleine alte Teil mit seiner Festung ist ganz nett, aber nichts besonderes, und der Rest ist zugepflastert mit stillos aneinander gereihten Luxusläden.

Während in Nizza zu viele Jogger die Bürgersteige unsicher machen, laufen in Cannes zu viele Leute ohne jegliches Finanzgefühl herum. In welcher Welt leben wir, wenn jemand 25,90 € für eine kleine Schachtel Macarons ausgibt oder 160 € für mit rosa Plüsch ausgekleidete Birkenstocksandalen, aber dem Bettler an der nächsten Ecke den einen Euro nicht gönnt?

Ich war jedenfalls nicht beeindruckt, höchstens von der Anzahl der Schiffe im Hafen. So viele Segelschiffe! Da muss doch irgendwo noch ein Plätzchen für mich sein. Ich brauch auch nur 1,40 auf 1,20 mit regelmäßigem Auslauf, muss noch nicht mal dauerhaft trocken sein...

Ich weiß nicht, wie ich das immer mache, aber nachdem ich von Cannes aus weiter die Küste entlang gefahren bin - zwischen roten Felsen und großen Villen - habe ich es schon wieder einen Schlafplatz direkt am Strand gefunden, einem palmenbestückten, menschenleeren Sandstrand...


24.10.16: Nizza

 

Zugegeben, ich hatte keine Ahnung - meine SIM-Karte ist ausgelaufen und ich muss sie erst wieder aufladen, wenn ich weiter mobiles Internet nutzen will, daher habe ich mich kaum vorbereitet auf die Stadt. Aber Nizza ist schön, richtig schön, das hatte ich nicht erwartet.

Noch vor dem notorischen Stop bei der Touristeninformation kam ich an die Strandpromenade, den Abschnitt, an dem am 14. Juli 85 Menschen starben. Ein Pavillion mit Andenken erinnert an den Anschlag und mir ist richtig mulmig zu Mute, den Ort zu vor mir zu sehen, den ich sonst nur aus Videos kannte. Es ist schon wieder so lange her, aber auf der Promenade läuft man noch über Wachsspuren der unzähligen Kerzen.

Aber das Leben geht weiter, wie es überall weitergeht, und ich ging weiter den Strand entlang und genoss Meer, Sonne und den Ausblick vom Hügel direkt neben der Altstadt.

Da ich früh aufgestanden war und ein ziemliches Power-Programm durchgezogen habe, war der Nachmittag praktisch zur freien Verfügung. Ihr wisst schon, was ich gemacht habe - dieses Mal war ich noch nicht einmal allein im Wasser, viele Leute schwammen und schnorchelten in den seichten Wellen, die wieder so klar waren, dass man metertief den Grund sehen konnte. Herrlich!

Ich behalte Nizza also sonnig, sehr warm (um die 27 Grad!) und lebendig in Erinnerung.

Abends fuhr ich weiter bis Antibes, da ich kein günstiges Hostel in Cannes finden konnte. Eine hervorragende Entscheidung, denn nicht nur Antibes ist wunderschön, auch das Hostel ist klasse!


Ende 23.10.16: Frankreich!

 

Und plötzlich ging alles ganz schnell. Nach dem zweiten "Francia"-Schild tauchte die Grenze aus dem Nichts auf und schon winkten sie mich durch, die grinsenden Männer in Uniform.

Ebenso schnell war ich in Monaco. Ich kannte die Stadt bereits von einem Besuch mit meiner Mutter und da es leicht nieselte, hatte ich nicht wirklich Lust, etwas zu unternehmen. Um ehrlich zu sein, wusste ich auch nicht, was, außer vielleicht lustige Fotos von meiner Ape mit teuren Autos zu machen.

Mit Bibs durch Monaco zu fahren, Luxuskarossen ausbremsend, gab mir witzigerweise ein ziemliches Gefühl von "Meiner Ape und mit gehört die Welt". Und auch ein bisschen "Let's get ready to rumble"... :-D

Übernachtet habe ich vor den Toren von Nizza, direkt am Meer, oder so weit wie man eben herankommt bei der Bebauung. Jedenfalls in Hörweite der Wellen, denn es gibt keinen besseren Ort, als eine nieslige Leeküste, um einen Patrick O'Brian zu lesen.