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Verlassene Orte

Die ersten zwei Tage meiner Reise führten mich an der deutsch-polnischen Grenze entlang durch winzige Ortschaften sowohl auf deutscher, als auch auf polnischer Seite. Allesamt verschlafen und geprägt von Landwirtschaft und einer erholsamen Abwesenheit von Franchise-Unternehmen. Am Rande eines solchen Kleinstkonglomerats an Häusern fand ich einen verfallenen Gebäudekomplex, von dem ich nicht sagen kann, was er einmal gewesen war. Was er nun ist, ist klar: faszinierend.

Ich weiß nicht, was es ist, das mich an verfallenen Orten reizt. Sie üben eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Als ich letzten Monat in Philadelphia war, hatte ich Gelegenheit, gleich fünf verfallene Orte zu erkunden: ein stillgelegtes Kohlekraftwerk, zwei ehemalige Turnpike-Tunnels, das sogenannte Graffiti-Pier (ein altes Pier am Fluss, das mittlerweile über und über mit Farbe besprüht ist) und eine alte S-Bahn-Linie, die in den kommenden Jahren zum Park umfunktioniert werden soll, bis dahin aber noch wunderbar vor sich hin wuchert.

Gestern, am 04.04.17, kam ich in Szczecin an und auch nach wiederholtem Vorsagenlassen kann ich den polnischen Namen Stettins beim besten Willen nicht aussprechen. Zu viele Tsch-Laute. Die Stadt ist schöner, als auf den ersten Blick gedacht, und dabei im Kern so klein, dass man alle Sehenswürdigkeiten auf der "Roten Route" (Karten in den Touri-Infos erhältlich) zu Fuß abklappern kann. Szczecin hat Ende des zweiten Weltkriegs sehr stark gelitten, wurde von den Alliierten völlig zerbombt, und litt vielleicht sogar noch mehr, als es nach dem Krieg an Polen abgegeben wurde und die hier zwangsangesiedelten Menschen verständlicherweise die brauchbaren Steine lieber zum Wiederaufbau nach Warschau schickten, als in der ehemals deutschen und damit unliebsamen Stadt zu verwenden. So erzählte mir jedenfalls der Couchsurfer, bei dem ich übernachtete, und als Pole kennt er die Geschichte seines Landes ganz sicher besser als ich.
Um ehrlich zu sein, habe ich kaum Ahnung von Polen, seinen Orten und Menschen, und es ist sogar mein erstes Mal, dass ich das Land überhaupt bereise! Mein Kopf will die Leute gerne in Kategorien verfrachten wie "Alle Männer Handwerker" und "Alle Frauen zu stark geschminkt", aber das klappt nicht. Das klappt sogar überhaupt gar nicht. So wie Schubladendenken in den meisten Fällen unzureichend klappt. Ich habe noch keine Stringenz in der Bevölkerung ausmachen können, nichts, das für eine Schublade verwendbar wäre. Vielleicht bemerke ich noch etwas, wenn ich zum Ende meiner Reise noch einmal und dann länger durch Polen fahre, denn nun ist es nur ein kleiner Abstecher, bevor es zurück nach Deutschland geht und noch ein Stück nach Norden an die Ostseeküste. Denn neben verfallenen Orten gibt es noch etwas, das eine magische Anziehungskraft auf mich auswirkt und alle, die mich auf meiner vorherigen Tour schon begleitet haben, wissen, was ich meine: Das Meer! :-)


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Kommentare: 1
  • #1

    Mam (Mittwoch, 05 April 2017 11:13)

    Endlich wieder ein Grund, jeden Tag mit Freude den PC hochzufahren. Deine Fotos und Berichte sind unwiderstehlich. Wenn du nun an der Ostsee entlang reist, vergiss nicht, das Fischerdorf Freest zu besuchen, in dem Oma und ich dann Urlaub machen. Träum' wieder einmal voraus.